Jens, 37, aus Aurich
Ich bin Jens, der zweite Mann im Cockpit eines Phantomdüsenjägers, verheiratet mit einer liebevollen Frau. Vertrauen, Liebe und Zuversicht sind für uns bindende Werte der Gemeinsamkeit.
Schon als kleiner Junge fesselten mich Flugzeuge, ihre Geschichten und Abenteuer. So sollte es auch sein, dass mir beim Eintritt in die Bundeswehr nach mehrjährigen Leistungskursen von meinem Arbeitgeber ein hochmodernes Flugzeug anvertraut wurde.
Bis dahin verlief alles nach Plan. Bei den verschiedensten Flügen über unsere Erde entwickelte sich für mich eine immer stärker werdende Hochachtung und Bindung zu unserem Planeten. (Jens’ Augen fangen beim Erzählen an zu leuchten.) Wir flogen mit zwei Phantomjägern über einem Tieffluggebiet in Kanada. Die Geschwindigkeit betrug ca. 300 km/sec. Unter uns dichtes Grün des endlos scheinenden Waldes, in weiter Ferne ein Bergmassiv mit dem rötlich-braun schimmernden Gestein oberhalb der Baumgrenze.
Die Sonne halb links am Horizont mit ihrer warmen Energie wurde von der Pilotenkanzel der neben uns fliegenden Maschine reflektiert. Bei dieser Geschwindigkeit entwickelt sich ein scheinbar feinstofflicher weißer Film aus eisiger Materie, der ähnlich wie eine Schleppe das Flugzeig umkleidet. Zwei übereinander verlaufende riesige Regenbögen, in deren Zentrum für ein paar Sekunden der zweite Phantomjäger erschien. (Jens’ Augen fangen an zu blitzen.) „Ein Anblick, der unvergesslich bleibt“, berichtet uns Jens weiter, „auch wenn er nur Sekunden dauert. Wie aus einem Prisma, klar, rein, alle Spektralfarben. In diesem Moment hätte ich religiös werden können!“ Jens holt tief Luft. Wir spüren seine tiefen Empfindungen bei der Schilderung dieser Flugerlebnisse.
In einer Zeit, in der durch die häufige berufsbedingte Abwesenheit meine Ehe belastet war, flog ich mit meinem Piloten einen Routineübungsflug. Irgendwo über der Nordsee durchstießen wir bei circa 40 000 Fuß ein leichtes Wolkenband. Wir flogen mit unserer Maschine bis an die Grenze der maximalen erlaubten Belastung. An irgendeinem Punkt neigte sich die Maschine ganz allmählich vorne über, unter uns der helle Tag, der Himmel dunkel mit Sternen übersät. Ein leichtes Schimmern der einzelnen Himmelskörper setzte sich deutlich von der atmosphärischen Schicht unter uns ab. Als ich dem Himmel mit all seiner Unendlichkeit so nah war, sah ich alles Weltliche plötzlich in einem ganz anderen Licht. Unter uns, eingebettet in der Atmosphäre, die Rundung der Erdkugel, auf ihr die Konturen des Wassers und des Festlandes. Harmonische Übergänge aus dem dunklen All hin zu unserem farbenfrohen Planeten, der mir wie ein riesiges Raumschiff vorkam. Von der Natur beschützt und behütet, durch den Menschen allzu leicht verletzbar, ja sogar vernichtbar. Vergeben - die herumliegenden Kleidungsstücke, Schuhe, der offene Lippenstift irgendwo im Bad, die energieraubenden Diskussionen, meine Frau ist wie sie ist - so liebe ich sie!
Ich habe gelernt, aus dem Abstand die Dinge in ihrem Zusammenhang zu erkennen.
Celestine ist überall!