Celestine-Erfahrungen

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Gefangen im Paradies

Ulla, 37, aus Hamburg (Tonbandprotokoll)

Während des Studiums der Prophezeiung von Celestine ist mir eines meiner größten Abenteuer, was ich zu meiner Erinnerung am liebsten teilweise verdrängen möchte, jetzt richtig wieder bewusst geworden.

Unsere Familie war mit unseren beiden Kindern nicht gerade das, was man eine harmonische Familie nennt. Ewige Streitereien, Unzufriedenheit, Folgedepressionen, Beziehungsängste. Aus der Celestine weiß ich heute, mein Vater, Schuldirektor, war der typische Einschüchterer. Meine Mutter lebte primär den Vernehmungsbeamten aus. So war auch  mein Mann bzw. ist mein Mann, wir leben derzeit in Trennung, ein Einschüchterer. Ein Einschüchterer, wie ich ihn von meinem Vater aus den jüngsten Kindertagen her kenne. Wenn er nicht bekommt, was er möchte, wird er aggressiv, ja sogar gewalttätig. Er legt sich wie ein Käfer auf den Rücken und strampelt mit allen Vieren, bis ihn der Jähzorn überkommt und in seiner Werkstatt irgendein Teil durch die Gegend flog.

Der Lebenstraum meines Mannes- Reisen -. Er muss schon bei der Geburt eingepflanzt gewesen sein - denn in seinen Träumen, Wünschen und Visionen gab es nichts anderes, als eine Weltreise mit einem Segelboot zu unternehmen. Einer geregelten Arbeit oder Beschäftigung im Sinne des Durchschnittsfamilienvaters ist ein Fremdwort für ihn. So war es für ihn auch das Selbstverständlichste, den Erziehungsurlaub unserer beiden Kinder für dieses Vorhaben einzureichen. Dieses Segelboot, ein Katamaran 15,5 m x 8,4 m, konstruierte und baute er in dreieinhalb Jahren selbst. In dieser Zeit wurde viel gespart, geplant und vorbereitet. Die Versorgung unserer beiden Kinder und der Haushalt waren selbstverständlich meine Aufgabe. Vor dieser Reise hatte ich Angst und hoffte insgeheim, dass wir diese aus irgendeinem Grund doch nicht antreten würden. Ich hatte Angst vor den Gefahren beim Segeln, vor meinem Mann und den Konflikten, die mit Sicherheit auftreten würden. Andererseits reise ich gern und liebe das Meer und die Abenteuer. Vor der Reise konnte ich nicht segeln, da ich eine Abneigung dagegen hatte. Steffie, unsere Tochter, sie absolvierte derzeit die 2. Schulklasse konnten wir problemlos von der Schule befreien mit der Verpflichtung, sie selbst zu unterrichten. Immanuel, unser Sohn, gerade im Vorschulalter, machte da noch weniger Umstände. Jedoch litt Immanuel unter Asthma und ständiger Bronchitis. Trotz vieler Unwegsamkeiten, Unkenntnis in manchen  zwischenmenschlichen Fragen und meinen Ängsten spürte ich, dass es richtig für mich war, diese Reise anzutreten. Wochenlang vorher plagte mich ein nervöses Hautjucken. Mit zunehmendem Abreisetermin und dem Bewusstsein, dass diese Reise tatsächlich Wirklichkeit wird, hatte ich einen Alptraum von einem Unwetter mit sehr hohem Seegang in der Nordsee. Dieser Traum war so extrem und die Angst um die Kinder und um die eigene Gesundheit, so dass ich diesen als eine Warnung annahm und auch so meinem Mann gegenüber kundtat. Die Entscheidung war für mich richtig, die erste Strecke bis nach Lissabon mit dem Flugzeug zu überbrücken. In Lissabon stieg ich mit den Kindern zu und bekam meinen Alptraum bestätigt. Der erste Reiseabschnitt war so katastrophal für die Mannschaft und das Boot, dass mit Sicherheit die Reise für uns hier schon beendet gewesen wäre, bevor sie richtig begonnen hatte.

Die erste große Belastung hat der Katamaran also gut überstanden. Es war allerdings viel Wasser in den Rumpf gedrungen, so dass alles nass und schimmelig wurde. Mit einer zeitlichen Verzögerung begann nun 3 Wochen später das große Abenteuer. Vorbei an dem Kolumbus-Denkmal und einer großen Jesusstatue, die hoch auf einem Berg nahe des Flusses stand. Steffie und ich empfingen einen so starken Energiestrahl von der Statue ausgehend mitten ins Herz. Wir waren sehr gerührt. Wir hatten das Gefühl, Jesus sagte zu uns - ich beschütze euch auf eurer Reise, ihr werdet unbeschadet zurückkommen. Diese Energie gab mir viel Kraft. Die ersten mehrtägigen Fahrten ohne Landsicht schüttelten uns bis zur Seekrankheit durch. Unberührte naturbelassene Inseln reizten uns genauso wie die Beobachtung von ca. 30 Delphinen und hier wird mir aus der Celestine gerade das Auftauchen der Tiere bewusst. Es war ein phantastisches Gefühl, ein Gefühl, als würden die Delphine strahlender Freude und des Glücks aussenden. Instinktiv folgten wir ihnen, konnten in einer geschützten Bucht Ankern. Es war eine gute Entscheidung. In dieser Zeit konnte mein Mann Herbert seinen psychischen Druck mit der gesamten Bootsbauvorgeschichte loswerden. Er reagierte prompt mit einer Blinddarmentzündung, die wir mit homöopathischen Mitteln behandelten. Nachdem er wieder auf den Füßen stand, war sein Grundmuster, Befehle zu erteilen, das erste Zeichen seiner Genesung. Wieder wurde ich an die längst vergangene Zeit meiner kindlichen Erziehung erinnert. Mein Vater, der Schulmeister einer katholischen Grundschule und die Präokkupationen wurden mir hier und auch erst im Nachhinein immer bewusster. Nach ca. 4 Wochen verabschiedeten wir uns von der wunderschönen Inselwelt, zogen den 22 kg schweren Anker per Hand an Bord und segelten bei kräftigem Wind weiter in Richtung Süden. Wir hatten zwei sehr anstrengende Tage vor uns, da unser Autopilot nicht stark genug war. Stündlich wechselten wir uns an dem Ruder ab, alles tat uns weh. Als wir Teneriffa erreichten, wurde der Wind so stark, dass ich das Ruder nicht mehr alleine halten konnte. Wir fuhren 18 Knoten. Das war die größte Geschwindigkeit, die ich mit diesem Boot erlebte. Es machte Spaß, aber es war auch unheimlich, da das Boot zu Land gedrückt wurde, obwohl der Wind genau aus dieser Richtung kam. Am Abend trafen wir dann in Los Christianos ein. Massentourismus und die Übungen der Armee in Wasser und an Land war nicht ganz unser Geschmack. Außerdem war das Wasser hier recht unruhig und das Ankern schwierig. Nachdem ich den Anker fünfmal hochgezogen hatte, weil er einfach nicht  halten wollte, war ich völlig genervt und am Ende meiner Kräfte. Endlich fanden wir einen sicheren Ankerplatz. Die Kinder konnten wieder an Bord frei spielen. Ihre Lieblingsspiele waren Taucher oder Fischer. Sie kletterten auf den Baum oder schaukelten an einem Fender auf und ab. Währenddessen backte ich Vollkornbrot in unserem Petroleumbackofen. Plötzlich qualmte es aus dem Ofen. Der geöffnete Backofen durch Herberts neugierige fachmännische Betrachtungsweise entlud sich mit einer riesigen Stichflamme, die uns explosionsartig entgegenkam. Die Kinder ergriffen schnell die Flucht und alles greifbare Flüssige wurde über den Herd und der Umgebung gekippt. Es half aber nichts, das Feuer breitete sich blitzartig im Raum aus. In letzter Sekunde noch aus dem Vorratseck herausgekramter Feuerlöscher, der ganz in der Nähe des Geschehens lag, machte in wenigen Sekunden dem Höllentripp ein Ende. Nachdem wir uns eine Weile an der frischen Luft erholt hatten, betrachteten wir den Schaden. Der halbe Rumpf war schwarz und verrußt. Jedes Teil war mit dem Pulver des Feuerlöschers bedeckt, so hieß es eben schrubben und zwar drei Tage lang. Die Ursache war ein Loch im Schlauch beim Herd. Nichts wie Putzen und Wischen. Die Decke wurde trotzdem nicht mehr weiß, aber was soll’s.

Eine eigenartige, für uns neue Atmosphäre, bot sich bei der Erkundung der Insel Gomera. Mit einem kleinen Mietwagen entdeckten wir Land und Leute, fanden wilde Feigen, Pilze, Bananen und Kaktusfrüchte, außerdem füllten wir unsere Wasserkanister - ca. 125l - mit frischem Bergwasser. Diese Dinge waren für uns wertvolle Schätze. In der folgenden Nacht war es wieder einmal unruhig. Wind kam über die Berge, das Boot zog an beiden Ankerseilen, morgens riss sich ein Anker los. Das Boot drehte sich und stieß gegen ein Fischerboot. Ein erneutes Ankern erwies sich als schwierig. An diesem Ort wurde es uns langsam unheimlich.

Darauf beschlossen wir, unseren Weg trotz der schwierigen Wetterlage fortzusetzen. Es war fast schon eine Erholung, dass der Wind konstant von hinten blies. Nach schneller Fahrt fanden wir erleichtert einen uns bekannten Hafen. Wir konnten gerade noch einen Zusammenstoß verhindern, da wir in der Dunkelheit die Entfernung zu den anderen Booten und die Geschwindigkeit falsch eingeschätzt hatten. Kaum lagen wir in den Kojen, schepperte es um uns herum, ein Sturm setzte ein. Boote stießen zusammen, ein Anker riss sich los, Ankerseile und Ketten verhedderten sich. Die anwesenden, zum Teil betrunkenen und unerfahrenen Segler waren bald alle an Deck ihrer Boote versammelt. Jede Menge Arbeit wartete auf sie, die Boote auseinander zu halten. Das Metall der Reling und die Bootsteile der verschiedenen Boote verkeilten und verbogen sich. Das brechende Holz und Reißen von Segeltuch war zu hören. Das Klirren eines zerberstenden Bullauges hallte durch die Nacht. Nach ca. fünf Stunden gelang es endlich, ein Haltetau an einem nahe gelegenen Felsen zu befestigen. Umgestürzte Beiboote und nächtliche Tauchaktionen, um die verhedderten Teile zu befreien, waren erforderlich. Nach ca. drei Tagen konnten die Sturmschäden an den hier vor Anker liegenden Yachten und Katamaranen sichtbar werden. In dieser kritischen Situation entstand eine ganz besondere Gemeinschaft.

Wieder aus der heutigen Sicht der Celestine, durch die ich diese Solidargemeinschaft völlig neu betrachte, verstehe ich und begreife ich, dass in jener Situation jeder sein Bestes gab und jedem vertrauen konnte. Dieses werde ich nie vergessen.

So waren wir überglücklich, dass der Sturm ohne schlimmere Folgen unser Boot freigegeben hatte. Der weitere Weg wollte es, dass wir zu den Kap Verden fuhren. Wieder für mich eine völlig ungewohnte Situation, fliegende Fische zu sehen. Irritiert über die Existenz, solche im Wasser lebenden Flugobjekte zu sehen, ließen in unserem Bootsalltag Freude aufkommen. Eine gespenstische Ankunft auf der  Insel Sal in völliger Dunkelheit, das Land war nur schwer zu erkenne, kein Leuchtturm. Das Boot glitt in einer unerklärlichen weißen Brühe dahin. Die Kinder schliefen. Wir sahen abwechselnd durch ein Fernglas, um endlich die Kaimauer eines Hafens zu entdecken. Wir kamen in eine völlig andere Welt. Der Hafen - durchdrungen von afrikanischen Lauten von Diskomusik. Früh am Morgen wurden wir durch reichlich Hühnergeschrei geweckt. In dieser kargen Gegend leben überwiegend schwarze Menschen, die in völlig anderen wirtschaftlichen Verhältnissen aufwachsen, als wir es gewohnt sind. Schul- und Berufsausbildung sind in diesen Gegenden mehr die Ausnahme. Eine Kommunikation mit den Einheimischen war nur unter ungewöhnlichen Bedingungen oder mit völligem Einsatz der Körper- und Zeichensprache möglich. Ihre eher zurückhaltende Art war stets freundlich. George und Octavio, unsere neuen Freunde, besuchten uns gern auf dem Boot und aßen Kastanien. Dafür schenkten sie uns stolz einen 5-6 kg schweren Kugelfisch und einen Tintenfisch. Wenn wir durch das Dorf gingen, sahen uns die Menschen an, als würden wir vom Mars kommen. Touristen landen scheinbar selten an diesem Ort. Ein wunderbares Naturschauspiel bot sich am Meer. In einem 5m breiten und 10m tiefen Loch im Felsen durch die Verbindung zum Meer rauschte das Wasser mit einer unbeschreiblichen Kraft die ganze Höhle hoch und spritze ganze Fontänen hoch und sank ebenso kraftvoll wieder hinab, ein aufregender Anblick, voller Energie - das ist Leben.

Der weitere Weg verlief durch die Kap verdische Inselwelt mit für uns nicht vorhersehbaren Untiefen und des mit kräftiger Brandung einhergehenden Wellengangs. Wir beteten sehr oft und baten unsere Schutzengel, dass sie uns im Auge behalten möge. Es war auch sonst niemand da, den wir hätten bitten können, uns zu helfen. Diese nicht auf der Seekarte eingezeichneten Riffe und Untiefen zwangen uns immer wieder nachts zum Ankern, da während der Nacht das Weitersegeln ein tödliches Ende hätte nehmen können. Und jetzt sollte das eigentliche Fernziel angegangen werden.

Wir entschlossen uns für die Überquerung des Atlantiks. Die Vorbereitungen verliefen planmäßig, jedoch wäre ich am liebsten  hier ausgestiegen und heimgeflogen, da ich und auch die Kinder absolut keine Lust mehr hatten auf Schaukelei und Seekrankheit sowie die ständige Angst, dass sich noch etwas schlimmeres als bisher ereignen könnte. Ein Flug, der uns hätte nach Hause bringen sollen, wäre hier für uns unbezahlbar gewesen. So machten wir uns auf den Weg und lagerten zusätzlich frisches Obst wie Äpfel und Bananen, Maracujas und Gemüse ein. Ein unruhiges Gefühl in meinem ganzen Körper aber dennoch dieses starke Vertrauen zu Gott, dass er uns nicht im Stich lassen würde, sowie die Gewissheit des empfundenen Gefühls, welches ich in Lissabon bei der Abfahrt hatte, irgendwann unbeschadet zu Hause ankommen zu dürfen. Wir hatten auf einmal unendlich viel Zeit. Am 1. Dezember machte ich den Kindern mit einem Adventskalender eine große Freude, in Teneriffa gekauft - Made in Germany. Eine lustige Abwechslung sind wieder die fliegenden Fische, die oft um uns und auf das Deck flogen. Die regelmäßigen Unterrichtszeiten mit Steffi und Immanuel konnten jetzt eingehalten werden. Rechnen, Schreiben, Englisch, Lesen selbst die altdeutsche Schrift sowie auch das regelmäßige Musizieren mit Flöte und Gitarre war angesagt. In dem großen mittleren Cockpit konnten wir Gymnastik und selbst eine Tanzparty mit Kap verdischer Musik unter einem phantastischen Sternenhimmel veranstalteten. Die einmaligen Sonnenuntergänge sind unvergessen an den vielen Abenden, an denen wir immer wieder wussten, irgendwo geht die Sonne wieder auf. Eine abwechslungsreiche Begegnung hatten wir während dieser Überquerung mit drei auf Kollisionskurs laufenden Schiffen. Darunter ein Großsegler, der ebenfalls in die gleiche Richtung vorhatte zu segeln wie wir, unbeleuchtet mitten in der Nacht, entdeckten wir ihn in letzter Sekunde zufällig und gaben Signal. Der sichtlich eingeschlafene Skipper änderte spontan den Kurs und segelte in eine völlig andere Richtung davon. Die anderen beiden Schiffe waren größere Frachtschiffe, die auch wieder mitten in der Nacht aus dem Nichts wie eine schwarze Wand auf uns zudampften. Unser Schutzengel hat auch in dieser Situation uns stets die Treue gehalten.

Genau in der Mitte des Atlantiks, es war der 7. Dezember, war mein Geburtstag, bei dem es - wie zu Hause - Kuchen und Geschenke gab. Ein kaum überwindbares Heimweh überkam mich, welches 3 Tage lang andauerte. Unterdessen steuerten wir die karibische Inselwelt bei gutem Wind und einigermaßen klarem Wetter an. Den ersten Kontakt zu der noch unbekannten Inselwelt bekamen wir, indem wir den regionalen Sender von Guadalupe empfingen. Tags darauf sahen wir das Land und konnten die Düfte der Pflanzen und des Landes wahrnehmen. Der Geruch und die Farben waren so intensiv, es war wie Balsam für unsere Seele. Endlich hatten wir ein fassbares Ziel vor Augen, nach den Tagen, in denen wir morgens, mittags und abends, nachdem wir ins Bett gegangen waren, wieder wussten, am anderen Tag wieder das gleiche Bild - Wasser, nichts als Wasser.

Das wurde, je näher wir an die Insel herankamen, zunehmend wärmer und am Strand sahen wir schon die kleinen bunten Holzhäuser, in denen die Einheimischen wohnten. In einem kleinen Urwald entdeckten wir einen Fluss, in dem wir genüsslich das Salzwasser vom Körper wuschen. Spontan besserten sich unsere Hautausschläge, die vermutlich durch die extreme Sonneneinstrahlung und das Duschen mit Meerwasser entstanden waren. Mittlerweile hatten wir Weihnachten und feierten bei 30 Grad C im Schatten. Intuitiv ging ich mit unseren Kindern an Land. Der Weg führte geradewegs in den kleinen Küstenort hinein und ein sehr schönes Krippenspiel auf Französisch erwartete uns. Die als Engel verkleideten Kinder trugen entweder Palmenwedel oder Laternen, die sie aus Konservendosen mit Lochmuster versehen hatten. Die überwiegend schwarze Bevölkerung war festlich gekleidet. Die Frauen trugen ausschließlich weiße Kleider mit sehr vielem Goldschmuck. Sie wirkten sehr elegant auf uns. Das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht” auf Französisch war der Höhepunkt der Feier. Ich war sehr dankbar für dieses weihnachtliche Erlebnis.

Einige Zeit später:
Gegenwind, spritzendes Bugwasser über das ganze Boot und Seekrankheit kennzeichnete die Überfahrt zur nächsten Insel. Die Wellen knallten zwischen die Rümpfe und ließen das Boot wie nie zuvor erschüttern. Angst und immer wieder dieser Gedanke, warum bist du eigentlich hier und lässt das ganze zu. Langsam stellte sich trotz der paradiesisch wirkenden Erlebnisse mein unerschütterliche Glaube zu Gott und zu dem, was wir hier gemeinsam erleben ein.

Der Wind trieb uns in eine Bucht, in der sich eine gut gepflegte Feriensiedlung befand. Wir ankerten und setzten mit  Beiboot über. Das Glück wollte es, dass wir mit einer englisch sprechenden Erzieherin Kontakt bekamen. Im Gespräch erwähnte ich die enorm hohen Preise besonders bei Obst und Gemüse. Sie informierte mich über einen Marktplatz in der Nähe und zeigte mir ihr eben gerade eingekauftes Gemüse. Und ohne weiteren Anlass griff sie in den Korb und schenkte mir einen Teil davon. Es war für mich ein besonderes Geschenk. Für sie war es selbstverständlich, von dem was sie hatte, etwas abzugeben.

Das Zusammensein mit meinem Mann wurde, ungeachtet dieser wunderschönen landschaftlichen Umgebung und klimatischen sehr guten Bedingungen unerträglich. Aus heutiger Sicht war mein Mann in der primären Rolle des Einschüchterers. Abhängigkeit, auch in finanziellen Situationen. Herbert machten uns Landausflüge aus vorgeschobenem Geldmangel unerreichbar. Entschädigung und Energie fand ich in der Unterwasserwelt beim Tauchen. Ob es Langusten, ein Octopus oder Muscheln waren, die prächtigen Farben und die unbeschreibliche Schönheit der Natur, in der wie es schien, alles seine Ordnung hatte und aufeinander abgestimmt war. Manchmal fütterten wir Fische mit kleinen Brotresten. Wir beobachteten einen Octopus, der sich in einem achtlos weggeworfenen Trinkglas versteckte und eine Muschel als Deckel gegen mögliche Feinde benutzte. Eine riesige Schildkröte lies sich wenige Meter unter Wasser von mir streicheln. In gedankenlos weggeworfenen alten Autoreifen hatten Langusten und eine Moräne einen idealen Platz, sich zu verstecken. Die Realität holte mich jedesmal an Bord wieder ein. Mein Mann als Erbauer und Segler dieses Bootes entpuppte sich zunehmend zu einem Egoisten, über dessen uneinsichtigen Umgang mit mir und den Kindern kein einvernehmliches Gespräch möglich war.

Die Tage vergingen und die täglichen Meditationen am Morgen mit der aufgehenden oder am Abend mit der untergehenden Sonne erfüllte mich mit einer seitdem unbeschreiblichen Energie und inneren Schönheit. Wie im Innen so im Außen. Die Natur beschenkte mich mit täglich kleinen neuen Entdeckungen und Abenteuern. Um unsere täglichen Speisen mit frisch gefangenem Fisch anzureichern, angelten wir im Mondlicht. Die Angel bewegte sich und der Widerstand verriet - ein Fisch am Haken. Schnell holte ich den vermeintlichen kapitalen Fang an das Boot heran. Doch als ich den Fisch endlich auf dem Boot hatte, stellte ich fest, dass ich nur noch den Kopf am Haken bestaunen konnte, den Rest hatte sich mit einem Biss ein Hai geholt. Die unberührte Natur mit ihrer wildwachsenden Vegetation bot uns einen Obstgarten, wie es nur im Paradies vorkommen könnte. Bananen, Kokosnüsse und weitere heimische Früchte boten eine breite Palette.

Am nächsten Tag entdeckte ich in der Ferne ein kleines Boot. Wir hielten darauf zu und stellten fest, dass es ein gut erhaltenes Schlauchboot mit einem 15 PS-Motor war. Dieses Boot, mit Sicherheit einige Tausend Mark wert, war vermutlich schlecht vertäut. Da sich sein Besitzer in den nächsten Wochen nicht meldete, sahen wir dieses als ein willkommenes Geschenk an. Denn unser altes Dingi hatte seinen Geist aufgegeben. Wir hatten uns schon nach einer günstigen Ersatzmöglichkeit umgesehen.

Uns als Warnung galt ein Katamaran, der auf einem Riff nahe der Küste gestrandet und zerschellt war. In einer verbotenen Bucht der US-Armee fanden wir am Strand und im Wasser unverbrauchte Munition. Wir ankerten trotz des Verbots und erlebten anstelle eines - wir hatten gerade Ostern - gewollten Osterfeuers einen Waldbrand, der sich über eine sehr große Fläche hinweg ausgebreitet hatte. Eine stille Bucht, die durch das ruhige Umfeld zum meditieren einlud, und das davor liegende Riff schützte vor dem extremen Wellengang des Atlantiks. In dem Riff konnten wir in aller Ruhe schnorcheln und in den Felshöhlen schlafende Haie und eine wunderschöne Unterwasserwelt beobachten.

Endlich nahte für uns nach nun 9 Monaten das Ende dieser Reise. Freunde von uns aus Deutschland lösten die Kinder und mich ab. Endlich konnte ich mit den Kindern zurück in die Heimat fliegen. Zum Abschied spielte unser Freund mit dem Saxophon ein Abschiedslied. Ich verabschiedete mich vom Meer, von der Karibik, und wir freuten uns auf den Heimflug. Die Sonne zeigte sich mit ihrer schönsten Farbpracht. Ein intensives Rot und ich spürte wieder, die Entscheidung war richtig.

Die folgenden 4 Monate genoss ich mit einer fast vergessenen Lebensfreude. Frei, keine Befehle, keine negative Kritik, kein Gemecker. Die Angst wuchs ständig vor dem Tag, an dem er zurückkommen würde. Er kam zurück, hatte inzwischen eine Freundin und die abwertende Behandlung nahm an Heftigkeit zu. Obwohl ich diese Reise um unseres Willens antrat, die Beziehung war aufgekündigt, es gab keine Hoffnung mehr auf Änderung. Kurze Zeit darauf sollte ich auch erfahren, dass ich noch fähig war, mich in jemanden zu verlieben. Dieses kurze Gefühl von Glück gab mir die Kraft, auszubrechen aus diesem seelischen Gefängnis. Zunächst löste ich mich in geistiger Form und verspürte eine große Befreiung der schwerwiegenden Blockaden in mir. Und hier vollzog sich ein Wandel. Neue Dinge kamen auf mich zu.

Ein lieber Freund machte mich auf die Celestine aufmerksam. Durch das Lesen der Erkenntnisse kann ich mein Abenteuer bzw. mein Leben verstehen und allem einen Sinn zuordnen. Zu verstehen, dass alles, was geschieht, mit mir, meiner Person und meiner eigenen Entscheidung zu tun hat, ja dieses musste ich lernen. Es war ständig jemand an meiner Seite - mein Vater, ein Schuldirektor, meine Mutter, meine älteren Geschwister und mein Mann. Und ich erinnerte mich bei diesem Lesen und mich damit beschäftigen, dass mein Mann auf der Reise mir den Vorschlag machte, schreib doch mal ein Buch - „Gefangen im Paradies”. Jetzt schreibe ich tatsächlich meine Geschichte für ein Buch. Aber dies in einer nicht geplanten Art und Weise. Beim Zurückblicken ist mir gerade in der Prophezeiung der Celestine aufgefallen, dass sich nichts ohne Grund entwickelt, wir auch nicht ohne Grund Hilfen, Zuspruch oder Kritik erfahren. So ist es schon bedeutend, dass die finanzielle Unterstützung meiner Mutter, meine eigenen Kenntnisse der Medizin und Naturheilkunde - ich bin Krankenschwester - und die Liebe  zur Natur und vor allem zum Meer ausschlaggebend waren, das Vertrauen auf Gott, auf meine Gefühle - trotz der harten Probe der Beziehung, die zur Trennung führte, denn die Erniedrigungen wurden immer größer. Ich konnte mich nicht wehren. Ich wußte aber, dass ich es nicht wollte und akzeptierte, konnte es jedoch aus eigener Kraft nicht ändern. Jetzt, wo die geistige und räumliche Trennung vollzogen ist, empfinde ich meinen Lebensweg, meine persönliche Entwicklung und die meiner Kinder freier. Ich lerne Menschen kennen, die offen und ebenso frei sein wollen. Es gibt Kontakte ganz anderer Art, geistige Interessen und Verbundenheit geben mir das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Es gibt mir Lebensfreude und eine höhere Lebensqualität, freundliche Menschen und Liebe. Ich bin auf dem Weg zu mir selbst. Mein Selbstbewusstsein wächst. Trotz der vielen Ängste, Unruhen und Heimweh habe ich diese Reise nie bereut. Die positiven Erlebnisse mit der Natur, mit den Menschen und die Nähe zu Gott gleichen vieles aus. Die Erinnerungen sind immer noch intensiv, wenn ich mich darauf einstelle. Sie geben mir Kraft, wie in den  9 Erkenntnissen der Celestine sowie in den Arbeitsbüchern beschrieben, mit einer völlig neutralen, emotionslosen Hilfestellung.

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