Christel, aus Starnberg
Im Frühjahr hatte ich mich entschieden, Hausputz in meiner Seele zu machen. Einer dieser ganz besonderen Geburtstage stand bei mir bevor, an denen “man” so ins Nachdenken kommt und überprüft, was war und was besser werden sollte. Irgendwie, spürte ich, hakte es noch in meinem Leben, ich hing irgendwo fest - aber wo? Während ich so dasaß und überlegte, wusste ich plötzlich: Du bist nicht versöhnt mit Deiner Vergangenheit! Ich entschloss mich daraufhin, die Bilanz meines bisherigen Lebens zu ziehen und entdeckte dabei Stück für Stück die kleinen, noch nicht aufgehobenen Begebenheiten, die so viel Unheil in der Entwicklung anrichten können. Je länger ich sie betrachtete, desto klarer wurde mir: Nur, wenn ich mit den Menschen, die mir irgendwann einmal in meinem Leben begegnet sind, im reinen bin, bin ich auch frei von ihnen - ja, frei überhaupt. Und ich war nicht frei. Ich fühlte genau, dass etwas an mir zog, ich hing wie an einem langen Seil und kam einfach nicht davon los.
Von diesem Tag an stellte ich mir in Gedanken mitten in meinem Arbeitszimmer ein breites Regal vor, und alle Personen, gegen die ich auch nur den Hauch einer Abneigung spürte oder einen Groll, in welcher Form auch immer, die stellte ich dort hinein. Jeden Morgen und jeden Abend strich ich ihnen über das Haar und sagte: “Es ist alles gut.” Bei diesen Handlungen löste sich etwas in mir. Ich erkannte, warum ich in bestimmte Situationen gekommen war und konnte mich nach und nach mit allen diesen Menschen aussöhnen. Nein, das stimmt nicht ganz. Mit einer Person gelang es mir einfach nicht. Im Gegenteil, je mehr ich mich mit diesem Mann beschäftigte, desto wütender wurde ich. Was war da los?
Die alte Geschichte fiel mir wieder ein. Sieben Jahre lag es nun schon zurück, dass ich Martin begegnet war. Martin war ein sehr geistvoller Mann, hatte aber eine vollkommen andere Lebensphilosophie als ich. Ich war damals sehr auf der Suche und hatte mich für längere Zeit auf seine geistige Sicht des Lebens eingelassen; ich könnte auch sagen: Ich hatte die Verantwortung für mich abgegeben und einen Weg beschritten, der ganz und gar nicht zu mir passte. Die Folge waren Depressionen und Minderwertigkeitsgefühle, die Angst der Ausweglosigkeit.
“Da muss man durch”, sagte Martin stets mit dem Lächeln eines Menschen, der ganz den Durchblick zu haben schien. “Es erfordert eben vollen Einsatz, zum wahren Leben zu kommen.”
Ich glaubte ihm - oder besser, ich tat so und glaubte ihm doch eigentlich überhaupt nicht. Mein Unterbewusstsein rebellierte, ich fand aber nicht den Absprung, und deshalb blieb ich da - aus Feigheit davor, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Es ist so schön bequem, die Verantwortung abzugeben, einen Meister zu haben, der schon wissen wird, wo es langgeht. Nur lässt sich die eigene Seele eben nicht betrügen. “Das ist nicht Dein Weg”, hörte ich immer wieder in mir. In der Folge magerte ich immer mehr ab, durchlebte immer längere Fieberphasen. An einem Morgen war es besonders schlimm. Ich quälte mich mit meinen Gedanken ab, als plötzlich das Telefon läutete und eine Frau, die ich bisher nur flüchtig gekannt hatte, mich um ein Gespräch bat. Als wir uns am Nachmittag trafen, sah sie mich sehr lange und eindringlich an.
“Ich glaube, Sie tragen etwas mit sich herum, das zu schwer für Sie ist. Meinen Sie wirklich, dass Sie das tun müssen?”
Diese kurze Frage hat in mir alles umgedreht. Mit einem Mal war da jemand, der Anteil nahm, und ich konnte mich öffnen. Nach diesem Gespräch hatte ich die Kraft, die Konsequenzen in meinem Leben zu ziehen und Martin zu verabschieden.
“Ich gestalte mein Leben jetzt selbst”, sagte ich ihm am Telefon. “Misch Dich nie wieder bei mir ein.”
“Ja, gut”, meinte er nur.
Daraufhin hatten wir keinen Kontakt mehr. Etwa ein Jahr später begegnete ich ihm “rein zufällig” bei einer Vortragsveranstaltung. Er sprach mich höflich an, aber ich reagierte nur mit Eiseskälte und ließ ihn links liegen.
Weitere sechs Jahre waren inzwischen vergangen. Und wenn ich an ihn dachte, übermannte mich immer noch eine solche Wut, dass ich auf den Tisch klopfte und recht unfreundliche Dinge von mir gab.
Da stand er nun gedanklich auf meinem Regal und wartete auf die Versöhnung. Und ich - ich wollte meinen Zorn einfach nicht loslassen. Innerlich spielte ich die ganze Geschichte noch einmal durch. Das half mir soweit, dass ich mein Problem in dieser Sache immer klarer erkennen konnte.
“Es liegt an Dir”, fühlte ich. “Nimm es an. Du brauchst letztlich nur Dir selbst zu vergeben, dem Spiegel, den Martin Dir vor die Nase hielt. Im Grunde solltest Du ihm noch dankbar sein.” Ich brauchte wohl zwei weitere Wochen, bis ich soweit war, Martin in Ruhe betrachten zu können. Immer häufiger kam in mir der Gedanke: “Sprich doch mal mit ihm. Das würde alles lösen.”
Um Himmels Willen. Nein, das wollte ich ganz und gar nicht. Alles in mir sträubte sich, und ich suchte nach Argumenten, die mir bestätigten, dass es falsch war, nur falsch sein konnte. “Ich muss mich noch etwas stabilisieren und mir genau überlegen, was ich sage”, dachte ich. “Ich muss noch …” Es kam so dieses und jenes, aber richtig zufrieden war ich damit nicht. Der Wunsch, meine Vergangenheit ganz zu klären, war so groß, dass mein Abwehrgebäude immer mehr in sich zusammenbrach. Aber irgendwie fühlte ich mich auch in Sicherheit, denn Martin wohnte weit weg und würde mir deshalb kaum zufällig irgendwo über den Weg laufen.
Dann bekam ich eines Tages eine Einladung zu einer Vernissage ins Haus. In einem eindrucksvollen Prospekt schilderte mir eine Organisation, was sie auf künstlerischem Gebiet alles auf die Beine stellen wollte. Ich war schon beeindruckt. Aber im selben Moment fiel mein Blick auf die Unterschriften der Direktoren. Und da stand es: Organisationsleiter Martin Friedrichs!
“Das muss wohl jetzt sein. Ausgerechnet jetzt.”
Kurz darauf beschloss ich eines Morgens, einen Tag Urlaub zu nehmen und in die Natur zu gehen. Vorher wollte ich nur schnell noch etwas einkaufen. Unterwegs traf ich alte Bekannte, ein früherer Nachbar winkte mir zu, und ich “klönte” mich hier und da etwas fest. Am Ende meines Einkaufs, gerade als ich wieder in meine Straße einbog, begegnete mir der Nachbar wieder.
“Hallo”, sagte ich. “Heute laufen wir uns aber auch ständig über den Weg.”
Er grinste. “Sie wohnen doch hier in der Nähe?” fragte er plötzlich. Und aus irgendeinem Grund war mir das ganz unangenehm. Ich wollte einfach nicht, dass er mich bis an meine Haustür begleitete. Im Laufe der Zeit habe ich mir angewöhnt, meine Gefühle ernst zu nehmen, und wenn meine Füße irgendwo plötzlich nicht mehr weitergehen wollen, dann bleibe ich eben stehen, ganz egal, wo das ist.
“Da kommt die Post”, sagte ich noch und schaute nach dem braunen UPS Wagen. “Vielleicht bekomme ich ja etwas.” Ich wartete sogar tatsächlich auf ein Paket, aber mit UPS sollte das ganz bestimmt nicht kommen, das wusste ich. Der Nachbar ging weiter, und ich stand da und konnte eigentlich gar nicht sagen, warum ich so fasziniert auf diesen Paketwagen schaute. Er zog mich total an. “So ein Unsinn”, dachte ich, bewegte mich aber keinen Schritt weiter.
Und dann, es schien mir, als wäre inzwischen eine Ewigkeit vergangen, fiel mein Blick plötzlich auf den Platz genau mir gegenüber. Da stand ein Mann und sah mich groß an. Zuerst hätte ich fast wieder weggeguckt, aber dann, beim zweiten Hinsehen kniff ich vor Überraschung die Augen zusammen. Nur wenige Meter von mir entfernt stand er - Martin. Er lächelte, und ich fühlte, wie sich meine Füße in Bewegung setzten und zu ihm hinüber gingen. Da war gar keine Zeit mehr für irgendwelche Überlegungen. Ich ging einfach.
“Hallo”, sagte er. “Wie schön, Dich zu sehen.”
Wir hatten ein langes, sehr inniges Gespräch an diesem Morgen. Martin hatte geschäftlich hier zu tun und suchte das Rathaus. Dass er direkt vor meinem Haus stand, hatte er gar nicht gewusst.
“Was machst Du so?” fragte er mich interessiert. Er freute sich, an dem was ich tat, berichtete von sich und gab mir seine Adresse. Gern wollte er mich wieder sehen. Zuerst war ich erstaunt, wie ungezwungen ich dieses Gespräch führen konnte. Dann erst erfasste mich eine tiefe Dankbarkeit. Ich war frei. Einmal kam mir zwar noch der Gedanke, die Vergangenheit direkt anzusprechen, aber ich fühlte deutlich, es ist nicht mehr nötig, sie ist vorbei. Kein Gedanke des Grolls war mehr da, alles hatte sich aufgelöst, ich begegnete ihm als gleichwertiger Partner. Es gab keinen Meister mehr.
An diesem Tag räumte ich mein geistiges Regal aus. Ich hatte mich mit Martin versöhnt und war glücklich. Ob ich ihn jemals wieder sehen würde? Vielleicht. Auf alle Fälle war das alte Seil gekappt. Für das “Danach” war ich nun offen.
Als ich dann später in den Wald ging, saß ich lange auf einem umgestürzten Baumstamm. Ein wohliger Friede durchströmte mich. Die Sonne flirrte und ließ die zarten Blätter der Bäume fast durchsichtig erscheinen. Und durch dieses Licht hindurch sah ich plötzlich mein ganzes Leben vor mir ablaufen. Mit Erstaunen erkannte ich, dass alles, was bisher wichtig für mich war - im Beruf, mit Menschen, in meiner Entwicklung überhaupt - so einfach abgelaufen war, wie diese Begegnung mit Martin. In dem Moment, in dem mein Sträuben wegfällt, meine Schranke sich aufhebt, wird alles zum Spiel, kindlich einfach, so dass es dem Verstand oft unglaubwürdig erscheint. Aber so ist mein Weg gedacht. Einfach.
Vielleicht treffe ich auf diesem Weg ja auch Martin wieder…