“Celestine-Erfahrungen”


Für die Kinder

Christel, aus Starnberg
Geschichten für große und kleine Kinder vom Eichhörnchen Rieka

Rieka und die gute Seele

„Hier kommt gerade ein Brief von meinem Vetter Kalli“, sagte Mutter Eichhörnchen. „Er möchte dich gern kennen lernen und lädt dich zu einem Urlaub in seinem schönen Garten ein.“

„Ich wußte gar nicht, dass du einen Vetter Kalli hast“, sagte Rieka erstaunt. „Genau genommen ist er der älteste Stiefbruder vom jüngsten Schwager meiner Cousine. Aber das ist wohl ein bisschen zu schwierig.“ „Das ist es“, lachte Rieka und machte sich noch am selben Tag auf den Weg zu Kalli.

Kalli war sehr zufrieden, als er Rieka vor der Tür stehen sah. „Das ging aber schnell“, sagte er und paffte an seiner Zigarre. „Komm nur herein, dass dich die Nachbarn nicht gleich sehen. Hier sind alle so neugierig, musst du wissen.“ Stolz zeigte er ihr das Haus, das seine Frau Trine blank geputzt hatte. Trine wischte und schrubbte gerade die Küche. Sie wischte und schrubbte eigentlich immer, wenn sie nicht gerade schrubbte und wischte.

Am nächsten Morgen wollte Rieka gern den Garten sehen. Kaum hatte sie aber einen Schritt nach draußen getan, da rief ihr Kalli schon zu: „Hüte dich vor den Hasen. Sie haben mich vor sechs Monaten schändlich beleidigt. Wer weiß, was ihnen noch alles einfällt.“ Zwei Schritte weiter kam sein nächster Ruf: „Bleib von der Hecke weg! Die alte Witwe Haselmaus lockt kleine Kinder an. Meine Mutter hat sie damals auch angesprochen, und wer kann sagen, was daraus geworden wäre, wenn…“ Den Rest konnte Rieka nicht verstehen, er war wohl auch nicht so wichtig. Während er sprach, stand Kalli mitten im Garten auf einem kleinen Sockel und schaute sich die Umgebung durch ein Fernglas an. Nach unzähligen weiteren Hinweisen und Erklärungen über die Freveltaten seiner Nachbarn war es höchste Zeit für das Mittagessen, aber auch beim Kauen erzählte er, was er gesehen hatte: „Stellt euch das vor, Elvira Saatkrähe hat heute schon wieder drei Stunden mit den Spatzen um die Wette getratscht, und Tom Rotfuchs, dieser alte Räuber, hat doch tatsächlich versucht, ein immergrünes Gewächs am Zaun entlang zu pflanzen. Was sagt ihr dazu?“ „Das ist doch ganz hübsch, Onkel Kalli“, wagte Rieka zu sagen. „Hübsch?“ brauste er auf. „Diese Seite vom Zaun gehört mir. Es ist mein Zaun, verstehst du, mein!“ Rieka verstand. Der Nachmittag verging mit einer bunten Reihe guter Ratschläge vom Onkel. „Dieses merkwürdige hellgraue Eichhörnchen von nebenan steht den ganzen Tag hinter der Gardine und spioniert den Leuten nach. Was es sich nur dabei denkt! Jeden Tag macht es das. Nimm dich bloß vor ihm in Acht.“

Später zog sich Kalli ins Wohnzimmer zurück. Vor dem Fenster stand eine Leiter, die er ausgiebig benutzte, um einen besseren Überblick zu bekommen. „Der Nachbargarten ist besonders schön“, sagte Rieka. „Eure Nachbarn müssen sehr nett sein.“ „Nett?“ rief Kalli und verschluckte sich fast. Ein fürchterliches Rumpeln begleitete seinen Ruf; er hatte Mühe, das Gleichgewicht auf der Leiter zu halten. Die dicke Zigarre wackelte gefährlich in seinem Mund, das Fernglas hing schief vor seiner Brust. „Diese Leute haben vor fünf Jahren meinen Großvater fast mit einer Schubkarre überfahren!“

Allmählich bekam Rieka mit, dass Kalli mit niemandem in der Gegend sprach. Alle hatten vor Wochen, Monaten oder Jahren dieses oder jenes getan, was ganz verwerflich war. Und Kalli hatte ein hervorragendes Gedächtnis, nie vergaß er auch nur eine Winzigkeit. „Aber jeder hat doch Fehler, Onkel“, sagte Rieka einmal unvorsichtig. „Ich nicht“, fauchte er sie an, „merke dir das, mein Kind, ich nicht.“

Am Abend hatte Rieka eine Idee. Schnell schrieb sie ein paar Zeilen auf einen Zettel und bat eine Meise, damit ins Forsthaus zu fliegen. Der zottelige Hund Wolf las die Nachricht eine Stunde später und machte sich so seine Gedanken. Am nächsten Morgen erschien er als Postbote bei Kalli und brachte ihm ein Paket. Kalli öffnete es umständlich. Es war ein alter Spiegel, an dem ein Brief hing. Er las ihn mit vielem Seufzen und Schnaufen. „Rieka“, sagte er vertraulich, „das ist ein Wunderspiegel. Wer ihn um Mitternacht unter einen Apfelbaum stellt und hineinsieht, kann sich selbst erkennen, seine ganze Seele.“ „Oh, das kann bestimmt kaum jemand ertragen“, meinte Rieka nachdenklich. „Jeder hat doch so viele Fehler - fast jeder“, fügte sie eilig hinzu. „Nur du, Onkel Kalli, du könntest es wagen.“ „Ja“, sagte Kalli nach einer Weile ernsthaft überzeugt. „Heute sollst du einmal eine wirklich gute Seele sehen.“

Kurz vor Mitternacht trafen sich Wolf und Rieka im Garten beim alten, knorrigen Apfelbaum. Es war Vollmond, und Wolf sah aus, als wollte er zu einem Faschingsfest gehen. Eine Papprolle steckte auf seiner Nase, und seine Ohren waren mit langen Entenfedern geschmückt. Fast hätte Rieka laut losgelacht. Behutsam löste Wolf nun den Spiegel aus seinem Rahmen und trug ihn fort. Den leeren Rahmen deckte er mit einem Tuch ab. „Lass mich nur machen“, flüsterte er, da schlug auch schon die Wanduhr im Haus zwölfmal, und Kalli erschien.
Langsam, mit geschlossenen Augen, entfernte er das Tuch, dann endlich breitete er die Arme aus und schaute in den „Spiegel“. Fast noch im selben Moment entfuhr ihm ein gellender Schrei. Ein riesiges, zotteliges Wesen mit langen, zerzausten Ohren und einer mächtigen Schnauze funkelte ihn durch den Rahmen wütend an. Es war ein schrecklicher Anblick! Das sollte er sein? Das war seine Seele? Kalli fiel vor Entsetzen in Ohnmacht. Rasch nahm Wolf die lange Nase ab, zupfte sich die Federn von den Ohren, packte den Wunderspiegel und verschwand hinter der Hecke. Trine kam in den Garten gelaufen und brachte Kalli mühsam in sein Zimmer, und sie war es auch, die Rieka am anderen Morgen bat, ganz schnell wieder nach Hause zu gehen.

Wolf wartete schon an der Gartentür. Er hatte das finstere Gesicht am Wohnzimmerfenster längst entdeckt. „Die Zeugin seiner Schande muss verschwinden“, sagte er leise. „Mit einer weiteren Einladung brauchst du nicht zu rechnen.“ Den Spiegel hatte Wolf wieder repariert und unter den Apfelbaum zurückgestellt. Vielleicht hatte ja mal einer den Mut, sein echtes Spiegelbild zu betrachten und sich dabei selbst zu erkennen. Groß war die Chance nicht, dass irgendjemand das wirklich wollte. Aber wer weiß - bei einem Wunderspiegel ist schließlich alles möglich.

Rieka und die innere Stimme

Die Sonne brannte heiß vom Himmel, die Luft flirrte und vibrierte und schlug in der Hitze kleine Purzelbäume. Jeder suchte ein schattiges Plätzchen auf oder badete im See. Es war ein richtig brütender Sommer. Mittags war niemand auf den Waldwegen zu sehen. Großvater Wildschwein lag bis zum Hals im Wasser und schnarchte. Heute allerdings gab er so seltsame Geräusche von sich, dass Rieka schnell bei ihm vorbeischaute. „Ich glaub’ es nicht“, polterte der Alte, „nein, ich glaub’ es einfach nicht.“ „Ich habe es aber selbst gesehen“, piepste die Meise, die sich zwischen seinen Ohren niedergelassen hatte. „Was ist denn passiert?“ fragte Rieka. „Sie hat einen Meisenstich“, knurrte der Großvater. „Stell dir vor, Rieka, bei dieser Affenhitze soll doch tatsächlich jemand freiwillig und ohne ernsthaft krank zu sein im Garten sitzen und einen Schal stricken. Nein, das stell’ ich mir lieber nicht vor.“ Dicke Schweißperlen tropften ihn von der Nase. „Rieka, geh und guck mal, ob das wahr ist.“

Rieka machte sich auf den Weg. Auf der kleinen Bank vor dem Forsthaus saß quietschvergnügt der zottelige Hund Wolf und strickte mit einer noch zotteligeren Wolle und zwei langen Nadeln einen leuchtend roten Schal. Als Sonnenschutz hatte er sich einen breiten Strohhut vom Förster aufgesetzt, eine Schüssel mit Wasser stand neben ihm, und der bunte Regenschirm der Försterin war an einem Blumenkasten festgebunden und hing wie ein Dach über ihm. Es sah wirklich köstlich aus. Nur, dass es eben ein glühend heißer Julitag war und Wolf doch tatsächlich dasaß und einen Schal strickte.

„Sorgst du schon für den Winter vor, oder wird das ein Weihnachtsgeschenk?“ fragte Rieka. „Ich weiß nicht“, antwortete Wolf ganz ruhig. „Du weißt es nicht?“ Rieka musste sich erst einmal hinsetzen. „Bei der Hitze strickst du und weißt nicht warum?“ „Nein“, antwortete Wolf und zählte seine Maschen. „Hm“, Rieka sah ihn besorgt an. „Gefällt dir die Farbe so gut, oder hast du etwas Besonderes vor?“ „Ich weiß nicht“, meinte er wieder. „Ja, verflixt, warum tust du es dann?“ „Weil ich es spüre“, sagte er bestimmt. „Gestern Morgen bin ich aufgewacht, und eine leise Stimme sagte, ’geh und stricke einen langen Schal’, und das tue ich jetzt.“ „Ach“, Rieka sperrte den Mund weit auf. „Wer hat es denn zu dir gesagt?“ fragte sie. „Es war keine Stimme von außen, sie war in mir, aber sie sprach so deutlich, dass ich genau weiß: es ist richtig.“

So ganz kam Rieka da nicht mit, aber sie ließ ihn einfach. Es war auch zu heiß, um über irgendein Problem zu streiten. Als sie Großvater Wildschwein davon berichtete, schnaufte er einmal heftig und tauchte im See unter. So etwas Verrücktes hatte ihm gerade noch gefehlt. Jeder, der in den nächsten Tagen am Forsthaus vorbeikam, konnte Wolf mit seinen Stricknadeln und dem Anfang vom roten Schal sehen. Er grüßte fröhlich und schien zufrieden zu sein. Die Tiere des Waldes verdrehten nur die Augen. „Er ist unser erstes Hitzeopfer“, klagten sie. „Hoffentlich ist die Krankheit nicht tödlich.“ „Es ist ein Sonnenstich“, entschied Großvater Wildschwein und schickte Rieka jeden Morgen zum Forsthaus, damit sie die Lage erkunden konnte.

Der Schal wuchs. Aber selbst als er so lang war, dass der Forstgehilfe Theodor ihn mindestens viermal um seinen Hals wickeln konnte, hörte Wolf nicht auf zu stricken. Kein Mitleid, keine Sticheleien, kein noch so verlockendes Angebot konnten ihn von seiner Arbeit abhalten. Er strickte - Meter um Meter wuchs der rote Schal und sollte wohl endlos werden. „Wann bist du denn fertig?“ fragte Rieka jedes mal. „Ich weiß nicht“, antwortete Wolf gelassen. „Aber ich werde es hören, wenn es so weit ist.“ „Hören?“ fragte Rieka. „Ja“, antwortete Wolf. „Die Stimme wird es mir sagen.“ Rieka nickte nur. Es war ja auch wirklich zu heiß.

Am nächsten Tag wurde es etwas kühler. Der Himmel bewölkte sich, und der Förster bat einige Tiere, ein altes, einsames Bauernhaus in der Heide mit ihm zu besichtigen. Großvater Wildschwein, Rieka, der Igel Emil, Wolf und der Fuchs fuhren mit. Der Förster hatte einen Picknickkorb dabei, und Wolf trug einen prall gefüllten Rucksack auf dem Rücken. Es war nicht zu übersehen, was er da hineingesteckt hatte, denn ein Zipfel des roten Schals hing oben heraus. „Das ist wohl gegen die Kälte“, schnaufte Großvater Wildschwein. „Na ja, bald kommen die ersten Nachtfröste, es kann sich nur noch um Monate handeln.“ Wolf antwortete nicht. Heute früh war sein Schal fertig geworden.

Endlich erreichten sie das alte Haus und stiegen gleich auf den Dachboden hinauf, um zu prüfen, welche Reparaturen nötig waren, und ob die Balken noch hielten. Dort oben waren sie so beschäftigt, dass sie den Rauch und den beißenden Geruch erst bemerkten, als es vor der Bodentür schon brannte. „Himmel, ein Feuer!“ rief der Förster. Wie das geschehen konnte, wußte keiner. Aber das Holz war knochentrocken, und irgendwo musste sich ein Funke entzündet haben. Vielleicht, als sie die alte Tür geöffnet hatten. In wenigen Augenblicken war der Weg in die Freiheit versperrt. „Hier kommen wir nicht raus“, sagte Rieka. „Wir müssen durchs Fenster.“ Das Fenster war groß genug, aber es lag so hoch über dem Erdboden, dass ein Sprung lebensgefährlich gewesen wäre. „Was nun?“ riefen alle durcheinander. „Lieber Gott, jetzt sind wir verloren!“ Da kam plötzlich ein Leuchten in Wolfs Augen. „Der Schal!“ sagte er. Schnell band er den Rucksack auf und befestigte den Schal am Fensterhaken. „Das ist unsere Rettung.“ Der Schal reichte bis auf die Erde. Zuerst hievten sie Großvater Wildschwein hinunter, dann seilte sich einer nach dem anderen ab. Es war keine Minute zu früh - noch ein Windhauch, und schon brannte das Dach lichterloh. Zum Glück hatte der Förster ein Telefon im Wagen und konnte die Feuerwehr anrufen, sonst wäre noch die ganze Heide verbrannt.

„Danke“, sagten die Tiere und sahen Wolf bewundernd an. Wolf sagte nichts, doch alle verstanden jetzt, was es mit der inneren Stimme auf sich hatte, und dass jeder, der sie hört, ihr zu folgen hat, ganz egal, wie die äußeren Umstände sind, ob ihn jemand versteht oder verspottet, oder wie er sonst behandelt wird, denn die innere Stimme hat immer recht.

Rieka und die beste Lösung

Rüffel hatte Halsweh. Seit der schwerhörige Hase Oskar bei ihr im Haus lebte, hatte sie sich angewöhnt, mit erhobener Stimme zu sprechen. „Deutlich“ nannte sie es. Mit anderen Worten: Sie schrie fast, damit Oskar auch alles, was sie ihm so dringend zu erzählen hatte, verstehen konnte. Und sie hatte natürlich nur Dringendes zu erzählen, das wissen wir ja von Tante Rüffel. So bekam sie eben von Zeit zu Zeit Halsweh. Meistens musste sie dann einfach zwei Tage still sein, und schon war alles wieder in Ordnung. Aber diesmal war sie nach vier Tagen immer noch so heiser, dass sie kaum krächzen konnte. „Vielleicht ist es ganz gut so“, grunzte Großvater Wildschwein. „Dann ist es im Wald wenigstens ab und zu etwas ruhig.“ Er hatte zwar leise gesprochen, aber Tante Rüffel hatte ausgezeichnete Ohren, und nun funkelte sie ihn beleidigt und empört an. „Ist ja schon gut“, meinte er besänftigend. „Du weißt doch, dass ich dich lieb hab’, egal ob du laut oder leise bist.“

Als die Tante nach einer Woche immer noch nicht richtig sprechen konnte und ihr Hals weiter zwickte und zwackte, als würde sich ein kleiner Hummer darin verirrt haben, bestellte der Förster den Tierarzt in den Wald. „Wahrscheinlich eine Überanstrengung“, sagte der Doktor, nachdem er Tante Rüffel sorgfältig untersucht hatte. „Warmhalten, gurgeln und schweigen, das ist die beste Medizin.“ Von nun an trug Tante Rüffel eine hellgrün-lila-orange gestreifte Stola um den Hals, gurgelte täglich siebenmal laut und blubbernd mit Salbeitee und sprach kein einziges Wort mehr. Dafür zeigte sie mit der Pfote auf alles, was sie haben wollte und stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf, wenn einer ihrer vielen Helfer gar nicht verstehen wollte, was sie meinte. Schließlich hatte sie alle vergrault. Nun boten sich Großvater Wildschwein und Rieka an, die Tante zu pflegen. „Aber nur, wenn du tust, was wir dir sagen“, grunzte der Großvater. „Das kannst du, denn richtig krank bist du ja eigentlich nicht.“ Tante Rüffel war entsetzt, aber sie schwieg. Rieka machte ihr Kräuterwickel, und der Großvater servierte ihr lauwarmen Tee, aber alle Mühe half nichts. Im Gegenteil, der Schmerz wurde noch stärker.

Der Doktor schüttelte verwundert den Kopf. „So einen hartnäckigen Fall habe ich noch nie erlebt“, meinte er. Nachdenklich zerzauste er seinen silbrigen Spitzbart. „Ich kann überhaupt nichts feststellen, es muss sich um etwas handeln, das tief in ihrem Innern sitzt.“ „Eine Krankheit aus der Seele?“ fragte der Förster überrascht. „So ist es“, meinte der Doktor. „Entweder hat die Tante ein großes Problem, oder sie hat gerade jetzt irgendetwas Besonderes zu lernen.“

Großvater Wildschwein blinzelte Rieka zu. „Und wer bringt ihr das bei?“ fragte er schelmisch. „Auf mich ist sie sowieso nicht gut zu sprechen, weil ich ihr immer sage: ’Liebe Tante, in dieser Geschichte ist der Wurm drin. ’ Ach was, ein Bandwurm ist das!“ „Der Doktor wird es tun“, entschied Rieka. „Das nimmt sie ihm nicht ab“, grunzte der Alte. „Ein Mediziner, der sie zehn Tage behandelt und dann keinen anderen Rat mehr weiß, als ihr zu sagen, dass sie sich selbst helfen soll? Na, was glaubst du wohl, was sie dazu sagt?“ „Dann macht es eben der Förster“, schlug Rieka vor. „Ha, ha!“ rief Großvater Wildschwein. „Erst gestern hat sie mir noch zugeflüstert, dass er nicht ausreichend um ihr Wohl besorgt ist, weil er es nicht für nötig hält, sie mehr als zweimal am Tag zu besuchen.“ „Also gut, ich verstehe dich schon“, meinte Rieka verdrießlich. „Du versuchst, mir auf freundliche Weise klar zu machen, dass ich es ihr sagen soll. Ja, ja, ich geh’ ja schon.“

Tante Rüffels Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sie hörte, sie hätte etwas in ihrer Seele zu lösen. Den ganzen Tag lief sie hin und her und zerbrach sich den Kopf, der ja ohnehin schon schwer genug war. Aber ihr fiel nichts ein. Nichts und gar nichts. Rieka hüpfte immer neben ihr her und half ihr beim Überlegen. Irgendwo musste doch die Lösung liegen. Aber wo? Schließlich kam Rieka noch eine ganz kleine Idee. Sie stieg so langsam und leise in ihr hoch, dass sie kaum wie ein Hauch war, aber sie war da!

„Tante Rüffel“, fragte Rieka, „betest du manchmal?“ „Was tue ich?“ rief die Tante und fasste sich schnell an den Hals. Ein heißer Schmerz brannte in ihr. „Beten!“ sagte Rieka. „Du könntest doch Gott bitten, dass er dir hilft.“ „Gott?“ fragte Tante Rüffel. „Ja, gibt es den denn überhaupt?“ „Aber natürlich“, antwortete Rieka. „Und vielleicht ist gerade das dein Problem. Du sprichst wohl nie mit Gott?“ „Nee“, meinte Tante Rüffel entschieden. „Ich kenne ihn doch gar nicht. Meinst du wirklich, dass er da ist?“ „Ja“, sagte Rieka, „und wir sind alle seine Kinder, auch du. Bestimmt möchte er, dass du dir etwas Zeit für ihn nimmst und ihn kennen lernst.“ „Jetzt?“ fragte Tante Rüffel. „Wie soll ich das denn machen? Ich habe doch gar keine Ahnung, wie man mit so jemandem spricht.“ „Genauso wie mit mir“, schlug Rieka vor. „Versuch’s doch mal.“ „Hm“, grummelte Tante Rüffel und verzog sich in eine Ecke. Da saß sie ratlos auf dem Boden: eine Stunde, zwei Stunden, die ganze Nacht lang und noch einen Tag dazu. Aber dann wurden ihre Halsschmerzen unverhofft stärker und stärker. Wenn man einer Lösung auf der Spur ist und nichts dafür tun will, kommt immer etwas Unangenehmes. „Das muss das Fegefeuer da in meinem Hals sein“, stieß sie hervor. Aber Schmerz kann auch die Seele öffnen, und irgendwann, mitten in der Nacht, begann die Tante, erst vorsichtig einzelne Worte, dann ganze Sätze zu flüstern, und schließlich erzählte sie einfach alles, was sie bedrückte und was sie sich wünschte und noch einiges mehr. „Mit wem spricht sie denn da?“ fragte eine kleine Maus, die neugierig an der Tür lauschte. Großvater Wildschwein packte sie kurz entschlossen am Kragen und zog sie energisch zurück.

Als Rieka am nächsten Morgen ins Zimmer kam, saß die Tante völlig entspannt und zufrieden in ihren Kissen. „Ein Frühstück, bitte“, bestellte sie mit lauter, kräftiger Stimme, ohne das kleinste Zwicken im Hals. „Und dann schick mir mal den Oskar herein, es ist Zeit für ein ernstes Gespräch. Wen solche Schwierigkeiten mit den Ohren plagen, der hat doch ein Problem zu lösen. Oder?“

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